Aus dem Tagebuch einer Referendarin – Zwischen Wein, Robe und Verzweiflung

Bei mir begann das Referendariat mit der Zivilstation. Zunächst findet ein Einführungslehrgang statt, damit euch die Grundlagen beigebracht werden. Was sie damit meinen ist, dass ihr innerhalb von 2 bis 3 Wochen mit so viel neuen Infos zugeballert werdet, dass ihr denkt: „Okay, schön, das war ein nettes Experiment, ich würde jetzt gerne abgeholt werden“.

Jetzt heißt es für jeden: Ruhe bewahren. Ich kann aus Erfahrung und Austausch mit meinen Mit-Referendaren bestätigen: Es geht (nahezu) jedem so. Du bist nicht dumm. Du bist nicht langsam. Und du bist ganz sicher kein schlechter Jurist. Wir mussten da alle durch und wir alle dachten uns „Wo zur Hölle bin ich hier gelandet?“ (Und ja: die Antwort steckt in der Frage).

Du bist nicht der einzige, der Jobs als Diplomjurist googelt (zum Beispiel ich. Jeden zweiten Tag am Anfang. Und immer noch gelegentlich.). Und du bist garantiert nicht der einzige, der völlig überfordert die Unterlagen anstarrt und gar nicht weiß wo er anfangen soll. (Bitte merkt euch das. Ich saß zu Beginn echt da und dachte, ich wäre halt zu blöd für das Referendariat. Ich habe mich auch kaum getraut die restlichen Referendare zu fragen, ob sie auch so überfordert sind. Kann ja nicht sein, dass es allen so geht wie mir und keiner so Recht weiß wo er anfangen soll. DOCH.).

Mir persönlich hat es geholfen selbst Schemata zu erstellen, bei denen ich all diese fürchterlich vielen Infos auf die absoluten, essentiellen Basics herunter gebrochen habe.

So habe ich mir also zum Beispiel jede Unterrichtseinheit ein Schema erstellt und dies wie ein Urteil aufgebaut und mir notiert, wo ich in diesem die Besonderheiten dieses Themas ansprechen muss (zum Beispiel bei „Veräußerung der streitbefangenen Sache“ oder „Nebenintervention“ wo die Besonderheiten dieser Themen im Urteil relevant werden).

So viel zur Theorie. Kommen wir zur Praxis. Was heißt eigentlich Praxis in der Zivilstation? Also klar, ich bin beim Richter, aber was muss ich da machen?

_______________________________ Exkurs _________________

  1. Schriftliche Arbeiten
    Die Hauptarbeit besteht darin schriftliche Arbeiten zu verfassen und sie beim Ausbilder abzugeben. Das sollten hauptsächlich Urteilsentwürfe sein, können aber auch Gutachten oder Beschlussentwürfe sein.
    Was genau die Anforderungen sind, ist von Bundesland zu Bundesland unterschiedlich. Während manche Bundesländer sehr genau darlegen welche Arbeiten im Laufe der Station verfasst werden müssen (so Hessen mit zwei Gutachten, vier Urteilsentwürfen, zwei Beschlussentwürfen), legen andere nur eine Mindestanzahl fest (so Bayern mit der Einschränkung, dass zwei Arbeiten Urteile sein müssen) oder der Festlegung, dass es eine schriftliche Arbeit pro Arbeitswoche sein muss (so Baden Württemberg).
  • Teilnahme an Sitzungstagen
    Ihr müsst auch an einigen Sitzungen als Zuschauer teilnehmen, die euer Ausbilder leitet. Manche Bundesländer geben hier wieder eine Mindestanzahl vor (so Bayern mit 4 Sitzungstagen, oder Berlin mit 6-8 Sitzungstagen), während andere Bundesländer nur festlegen, dass an Sitzungen teilgenommen werden muss.
  • ggf. mündliche Vorträge
    Die meisten Bundesländer sehen in ihren Anforderungen Aktenvorträge vor (nicht so in Bayern [vermutlich hauptsächlich aus Protest, weil die anderen das so machen], NRW oder Bremen).
  • ggf. Sitzungsleitung (mit Beweisaufnahme)
    Einige Bundesländer sehen vor, dass der Referendar während der Station eine mündliche Verhandlung leitet und / oder eine Beweisaufnahme vornimmt. Zumindest aus Bayern weiß ich, dass dies – auch wenn es nicht in den Anforderungen steht – häufig für den Referendar möglich oder auch üblich ist. Dazu jedoch mal mehr in einem anderen Beitrag.
  • ggf. Protokollführung
    Ein paar wenige Bundesländer schlagen in den Anforderungen auch vor, dass der Referendar mit der Protokollführung beauftragt werden soll (so Schleswig Holstein und Sachsen Anhalt).


Es empfiehlt sich tatsächlich sich zu Beginn der Station anzusehen, was die Anforderungen sind, da ich aus meiner eigenen Erfahrung und der meiner Mit-Referendare sagen kann, dass die Ausbilder die Mindestanforderungen nicht immer auf der Kette haben.

__________________________________________________________

Doch egal wie genau ihr plant: Es wird nie alles so laufen, wie ihr euch es vorstellt. Ich sollte mir an meinem ersten Tag bei meinem Ausbilder nur wenige Seiten aus der Akte kopieren. Wie ich mir das vorstellte? Ich gehe entspannt aus dem Büro ins Kopierzimmer, komme mit wunderschönen Kopien nach kurzer Zeit zurück und habe zufällig auf dem Weg zurück noch einen Fall gelöst.

Wie es wirklich war: ich stand vor dem Kopierer und bettelte ihn möglichst leise an doch jetzt bitte zu funktionieren.

Unnötig zu erwähnen, dass er meiner Bitte nicht Folge leistete. Gut, wir alle hatten schon einmal Kämpfe mit einem Kopierer oder einem Drucker. Was das jedoch besonders schlimm gemacht hat, war, dass er einfach nicht mehr funktionieren wollte. Also ging ich zu meinem Richter und musste ihm beichten, dass der Kopierer nicht funktioniert. Hätte ich mich doch gleich vorgestellt „Hi, ich bin Ihre Referendarin und ich bin zu blöd zum Kopieren.“

Also begleitete der Richter mich zurück ins Kopierzimmer, um auf ein paar Knöpfe zu drücken, mich anzuschauen und zu sagen „Sie haben ihn wohl kaputt gemacht.“ (Glücklicherweise ging er schließlich doch wieder. Wenn nicht hätte ich vermutlich 5 Formulare ausfüllen können wie es dazu kam).

Dass ich nach diesem Tag was diesen Kopierer angeht ein Trauma davon getragen habe, muss ich wohl nicht erwähnen.

Allein, wenn mein Richter in den nächsten Monaten meinte, dass ich mir die Seiten aus der Akte kopieren soll, verfiel ich in eine Starre, wie Opossums, die sich tot stellen um vom Gegner nicht gefressen zu werden.

Warum erzähle ich das? Hauptsächlich weil die Chancen wahnsinnig hoch sind, dass euer erster Tag besser läuft und falls doch mal etwas schief laufen sollte, ihr euch dieses Szenario in den Kopf rufen könnt. Und ich bin auch noch dabei. Aber auch, weil solche Dinge einfach passieren und ihr euch davon nicht in Panik versetzen lassen sollt (ganz so wie ich. Ich war völlig ruhig und rational. Und völlig allein in diesem Raum, also gibt es niemanden, der das Gegenteil beweisen könnte.)

Dann kam der große Tag. Ich saß an meinem ersten Urteil zu einer Verhandlung, die ich gerade erst gesehen habe. Natürlich will man gerade als erste Arbeit keinen völligen Mist abgeben. Schließlich soll der Ausbilder denken „Oho, da habe ich ja den Jackpot gezogen! So ein Talent!“ und nicht „Ach Mann, warum bin ich immer der Verlierer im Referendar Lotto?“

Also wollte ich es ganz genau machen, immerhin habe ich schon gezeigt, dass meine Stärken nicht im Kopieren liegen. Wenn ich jetzt auch noch das Urteil vergeige, wird der auch denken, dass ich nur versehentlich in seinem Büro gelandet bin und mir dachte „Der sucht eine Referendarin? Klingt spannend, mach ich.“

So tippe ich selbstbewusst in das Dokument: Die Klage ist zulässig. Ein grandioser Anfang. 10 Punkte für Ravenclaw! Das Gericht ist zuständig nach… nach… ja, leider nach keiner mir bekannten Norm. Großartig. Gliederungspunkt 1 und schon hänge ich fest.

Nach verzweifeltem Blättern im Gesetz, einer Recherche wo der Firmensitz ist und einem Gin Tonic stand fest: Das Gericht war nach meiner Auffassung nicht zuständig. Hervorragend, das kann doch nicht sein, dann hätte der Richter doch einen Hinweis erteilt. Er ist schließlich der Richter! Was weiß ich schon?

Also habe ich das gemacht, was jede vernünftige Person in meiner Situation getan hätte. Ich fing an zu weinen. Dann habe ich mir einen Baileys eingeschenkt und es einfach durchgezogen.

Und das Ergebnis? Abgesehen von einer leeren Baileys-Flasche? Ein Anruf meines Richters wenige Tage nach der Abgabe mit der Aussage „Sie haben mich gerade davon überzeugt, dass ich eigentlich unzuständig bin“.

Also Leute, vertraut euren juristischen Fähigkeiten. Vielleicht sieht der Ausbilder es anders. Na und? Ihr wisst doch: Zwei Juristen, drei Meinungen. Und ihr seid ab diesem Moment Juristen, also steht zu eurer Meinung! Gut, möglichst nur dann, wenn sie dem Rechtsstaat entspricht. Die Schadenshöhe auszuwürfeln ist eine Meinung, jedoch keine, die ich empfehlen würde zu vertreten.

Das Wichtigste, was ich für mich gelernt habe, ist: so lange ich hinter meiner Arbeit stehe, hinter der Meinung, die ich vertreten habe, dann kann ich das guten Gewissens abgeben.

Es kommt auf die Argumentation an. Meine besten Arbeiten waren die, die nicht der Meinung meines Ausbilders entsprachen und die ich versuchte ihm argumentativ schmackhaft zu machen. Oder es waren einfach die, die ich unter Weineinfluss geschrieben habe, das lässt sich im Nachhinein nicht mehr feststellen. Die Chancen, dass diese Arbeiten auch mit Wein geschrieben wurden, stehen jedoch generell hoch.

So lange ihr also eure Meinung mit juristischen Argumenten (am besten mit etwas Rechtsprechung gespickt) ausarbeitet, ist das super.

Ihr werdet auch mal Arbeiten abgeben, die Fehler enthalten (oder ihr seid juristische Wunderkinder, ich will euch ja nichts unterstellen). Und davon darf man sich nicht entmutigen lassen, denn wir sind da um zu lernen.

Welche Art von Akten ihr bearbeitet, hängt von eurem Ausbilder ab. Ich hatte da wirklich Glück mit meinem Ausbilder, er gab mir immer die Akten zu den Sachen, die er aktuell verhandelte. So ging ich erst die Akte durch, dann mit ihm in die Verhandlung und durfte anschließend das Urteil entwerfen. So konnte man den Richter auch wirklich unterstützen und das fühlt sich schon cool an, wenn im endgültigen Urteil deines Richters Ideen oder Blöcke deiner Ausarbeitung übernommen werden. Das ist schon der Teil am Ref, den ich wirklich liebe. Lasst euch aber nicht verunsichern, wenn euer Richter eure Ausarbeitungen nicht übernimmt. Manche Richter schreiben das Urteil trotz einer hervorragenden Ausarbeitung lieber vollkommen eigenständig, damit ihr Schreibstil durchkommt. Das ist eine reine Typ-Frage.

Aber ich kenne auch ein paar aus meiner AG, die keine aktuellen Akten von ihrem Ausbilder erhalten haben, sondern alte Übungsakten für Referendare. Aber das ist von Ausbilder zu Ausbilder unterschiedlich. Wobei es mir so vorkam, als wären es vermehrt aktuelle Akten.

Also: Lasst euch gerade vom Beginn der Zivilstation nicht einschüchtern. Glaubt an euch und eure juristische Fähigkeiten und nehmt wenigstens alles Positive aus der Praxis mit und nutzt die Zeit um festzustellen, ob das ein Beruf ist, den ihr euch vorstellen könnt. Und falls nicht: Bekommt bloß keine Panik. Es gibt so viele andere juristische Berufe und man kann auch nach dem Ausschlussprinzip vorgehen.

Also bleibt ruhig und habt auch Spaß. Und sorgt für einen guten Weinvorrat. Nur als Sicherheit.

Von Ina

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s