Aus dem Tagebuch einer Referendarin – Zwischen Wein, Robe und Verzweiflung

Bei mir begann das Referendariat mit der Zivilstation. Zunächst findet ein Einführungslehrgang statt, damit euch die Grundlagen beigebracht werden. Was sie damit meinen ist, dass ihr innerhalb von 2 bis 3 Wochen mit so viel neuen Infos zugeballert werdet, dass ihr denkt: „Okay, schön, das war ein nettes Experiment, ich würde jetzt gerne abgeholt werden“.

Jetzt heißt es für jeden: Ruhe bewahren. Ich kann aus Erfahrung und Austausch mit meinen Mit-Referendaren bestätigen: Es geht (nahezu) jedem so. Du bist nicht dumm. Du bist nicht langsam. Und du bist ganz sicher kein schlechter Jurist. Wir mussten da alle durch und wir alle dachten uns „Wo zur Hölle bin ich hier gelandet?“ (Und ja: die Antwort steckt in der Frage).

Du bist nicht der einzige, der Jobs als Diplomjurist googelt (zum Beispiel ich. Jeden zweiten Tag am Anfang. Und immer noch gelegentlich.). Und du bist garantiert nicht der einzige, der völlig überfordert die Unterlagen anstarrt und gar nicht weiß wo er anfangen soll. (Bitte merkt euch das. Ich saß zu Beginn echt da und dachte, ich wäre halt zu blöd für das Referendariat. Ich habe mich auch kaum getraut die restlichen Referendare zu fragen, ob sie auch so überfordert sind. Kann ja nicht sein, dass es allen so geht wie mir und keiner so Recht weiß wo er anfangen soll. DOCH.).

Mir persönlich hat es geholfen selbst Schemata zu erstellen, bei denen ich all diese fürchterlich vielen Infos auf die absoluten, essentiellen Basics herunter gebrochen habe.

So habe ich mir also zum Beispiel jede Unterrichtseinheit ein Schema erstellt und dies wie ein Urteil aufgebaut und mir notiert, wo ich in diesem die Besonderheiten dieses Themas ansprechen muss (zum Beispiel bei „Veräußerung der streitbefangenen Sache“ oder „Nebenintervention“ wo die Besonderheiten dieser Themen im Urteil relevant werden).

So viel zur Theorie. Kommen wir zur Praxis. Was heißt eigentlich Praxis in der Zivilstation? Also klar, ich bin beim Richter, aber was muss ich da machen?

_______________________________ Exkurs _________________

  1. Schriftliche Arbeiten
    Die Hauptarbeit besteht darin schriftliche Arbeiten zu verfassen und sie beim Ausbilder abzugeben. Das sollten hauptsächlich Urteilsentwürfe sein, können aber auch Gutachten oder Beschlussentwürfe sein.
    Was genau die Anforderungen sind, ist von Bundesland zu Bundesland unterschiedlich. Während manche Bundesländer sehr genau darlegen welche Arbeiten im Laufe der Station verfasst werden müssen (so Hessen mit zwei Gutachten, vier Urteilsentwürfen, zwei Beschlussentwürfen), legen andere nur eine Mindestanzahl fest (so Bayern mit der Einschränkung, dass zwei Arbeiten Urteile sein müssen) oder der Festlegung, dass es eine schriftliche Arbeit pro Arbeitswoche sein muss (so Baden Württemberg).
  • Teilnahme an Sitzungstagen
    Ihr müsst auch an einigen Sitzungen als Zuschauer teilnehmen, die euer Ausbilder leitet. Manche Bundesländer geben hier wieder eine Mindestanzahl vor (so Bayern mit 4 Sitzungstagen, oder Berlin mit 6-8 Sitzungstagen), während andere Bundesländer nur festlegen, dass an Sitzungen teilgenommen werden muss.
  • ggf. mündliche Vorträge
    Die meisten Bundesländer sehen in ihren Anforderungen Aktenvorträge vor (nicht so in Bayern [vermutlich hauptsächlich aus Protest, weil die anderen das so machen], NRW oder Bremen).
  • ggf. Sitzungsleitung (mit Beweisaufnahme)
    Einige Bundesländer sehen vor, dass der Referendar während der Station eine mündliche Verhandlung leitet und / oder eine Beweisaufnahme vornimmt. Zumindest aus Bayern weiß ich, dass dies – auch wenn es nicht in den Anforderungen steht – häufig für den Referendar möglich oder auch üblich ist. Dazu jedoch mal mehr in einem anderen Beitrag.
  • ggf. Protokollführung
    Ein paar wenige Bundesländer schlagen in den Anforderungen auch vor, dass der Referendar mit der Protokollführung beauftragt werden soll (so Schleswig Holstein und Sachsen Anhalt).


Es empfiehlt sich tatsächlich sich zu Beginn der Station anzusehen, was die Anforderungen sind, da ich aus meiner eigenen Erfahrung und der meiner Mit-Referendare sagen kann, dass die Ausbilder die Mindestanforderungen nicht immer auf der Kette haben.

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Doch egal wie genau ihr plant: Es wird nie alles so laufen, wie ihr euch es vorstellt. Ich sollte mir an meinem ersten Tag bei meinem Ausbilder nur wenige Seiten aus der Akte kopieren. Wie ich mir das vorstellte? Ich gehe entspannt aus dem Büro ins Kopierzimmer, komme mit wunderschönen Kopien nach kurzer Zeit zurück und habe zufällig auf dem Weg zurück noch einen Fall gelöst.

Wie es wirklich war: ich stand vor dem Kopierer und bettelte ihn möglichst leise an doch jetzt bitte zu funktionieren.

Unnötig zu erwähnen, dass er meiner Bitte nicht Folge leistete. Gut, wir alle hatten schon einmal Kämpfe mit einem Kopierer oder einem Drucker. Was das jedoch besonders schlimm gemacht hat, war, dass er einfach nicht mehr funktionieren wollte. Also ging ich zu meinem Richter und musste ihm beichten, dass der Kopierer nicht funktioniert. Hätte ich mich doch gleich vorgestellt „Hi, ich bin Ihre Referendarin und ich bin zu blöd zum Kopieren.“

Also begleitete der Richter mich zurück ins Kopierzimmer, um auf ein paar Knöpfe zu drücken, mich anzuschauen und zu sagen „Sie haben ihn wohl kaputt gemacht.“ (Glücklicherweise ging er schließlich doch wieder. Wenn nicht hätte ich vermutlich 5 Formulare ausfüllen können wie es dazu kam).

Dass ich nach diesem Tag was diesen Kopierer angeht ein Trauma davon getragen habe, muss ich wohl nicht erwähnen.

Allein, wenn mein Richter in den nächsten Monaten meinte, dass ich mir die Seiten aus der Akte kopieren soll, verfiel ich in eine Starre, wie Opossums, die sich tot stellen um vom Gegner nicht gefressen zu werden.

Warum erzähle ich das? Hauptsächlich weil die Chancen wahnsinnig hoch sind, dass euer erster Tag besser läuft und falls doch mal etwas schief laufen sollte, ihr euch dieses Szenario in den Kopf rufen könnt. Und ich bin auch noch dabei. Aber auch, weil solche Dinge einfach passieren und ihr euch davon nicht in Panik versetzen lassen sollt (ganz so wie ich. Ich war völlig ruhig und rational. Und völlig allein in diesem Raum, also gibt es niemanden, der das Gegenteil beweisen könnte.)

Dann kam der große Tag. Ich saß an meinem ersten Urteil zu einer Verhandlung, die ich gerade erst gesehen habe. Natürlich will man gerade als erste Arbeit keinen völligen Mist abgeben. Schließlich soll der Ausbilder denken „Oho, da habe ich ja den Jackpot gezogen! So ein Talent!“ und nicht „Ach Mann, warum bin ich immer der Verlierer im Referendar Lotto?“

Also wollte ich es ganz genau machen, immerhin habe ich schon gezeigt, dass meine Stärken nicht im Kopieren liegen. Wenn ich jetzt auch noch das Urteil vergeige, wird der auch denken, dass ich nur versehentlich in seinem Büro gelandet bin und mir dachte „Der sucht eine Referendarin? Klingt spannend, mach ich.“

So tippe ich selbstbewusst in das Dokument: Die Klage ist zulässig. Ein grandioser Anfang. 10 Punkte für Ravenclaw! Das Gericht ist zuständig nach… nach… ja, leider nach keiner mir bekannten Norm. Großartig. Gliederungspunkt 1 und schon hänge ich fest.

Nach verzweifeltem Blättern im Gesetz, einer Recherche wo der Firmensitz ist und einem Gin Tonic stand fest: Das Gericht war nach meiner Auffassung nicht zuständig. Hervorragend, das kann doch nicht sein, dann hätte der Richter doch einen Hinweis erteilt. Er ist schließlich der Richter! Was weiß ich schon?

Also habe ich das gemacht, was jede vernünftige Person in meiner Situation getan hätte. Ich fing an zu weinen. Dann habe ich mir einen Baileys eingeschenkt und es einfach durchgezogen.

Und das Ergebnis? Abgesehen von einer leeren Baileys-Flasche? Ein Anruf meines Richters wenige Tage nach der Abgabe mit der Aussage „Sie haben mich gerade davon überzeugt, dass ich eigentlich unzuständig bin“.

Also Leute, vertraut euren juristischen Fähigkeiten. Vielleicht sieht der Ausbilder es anders. Na und? Ihr wisst doch: Zwei Juristen, drei Meinungen. Und ihr seid ab diesem Moment Juristen, also steht zu eurer Meinung! Gut, möglichst nur dann, wenn sie dem Rechtsstaat entspricht. Die Schadenshöhe auszuwürfeln ist eine Meinung, jedoch keine, die ich empfehlen würde zu vertreten.

Das Wichtigste, was ich für mich gelernt habe, ist: so lange ich hinter meiner Arbeit stehe, hinter der Meinung, die ich vertreten habe, dann kann ich das guten Gewissens abgeben.

Es kommt auf die Argumentation an. Meine besten Arbeiten waren die, die nicht der Meinung meines Ausbilders entsprachen und die ich versuchte ihm argumentativ schmackhaft zu machen. Oder es waren einfach die, die ich unter Weineinfluss geschrieben habe, das lässt sich im Nachhinein nicht mehr feststellen. Die Chancen, dass diese Arbeiten auch mit Wein geschrieben wurden, stehen jedoch generell hoch.

So lange ihr also eure Meinung mit juristischen Argumenten (am besten mit etwas Rechtsprechung gespickt) ausarbeitet, ist das super.

Ihr werdet auch mal Arbeiten abgeben, die Fehler enthalten (oder ihr seid juristische Wunderkinder, ich will euch ja nichts unterstellen). Und davon darf man sich nicht entmutigen lassen, denn wir sind da um zu lernen.

Welche Art von Akten ihr bearbeitet, hängt von eurem Ausbilder ab. Ich hatte da wirklich Glück mit meinem Ausbilder, er gab mir immer die Akten zu den Sachen, die er aktuell verhandelte. So ging ich erst die Akte durch, dann mit ihm in die Verhandlung und durfte anschließend das Urteil entwerfen. So konnte man den Richter auch wirklich unterstützen und das fühlt sich schon cool an, wenn im endgültigen Urteil deines Richters Ideen oder Blöcke deiner Ausarbeitung übernommen werden. Das ist schon der Teil am Ref, den ich wirklich liebe. Lasst euch aber nicht verunsichern, wenn euer Richter eure Ausarbeitungen nicht übernimmt. Manche Richter schreiben das Urteil trotz einer hervorragenden Ausarbeitung lieber vollkommen eigenständig, damit ihr Schreibstil durchkommt. Das ist eine reine Typ-Frage.

Aber ich kenne auch ein paar aus meiner AG, die keine aktuellen Akten von ihrem Ausbilder erhalten haben, sondern alte Übungsakten für Referendare. Aber das ist von Ausbilder zu Ausbilder unterschiedlich. Wobei es mir so vorkam, als wären es vermehrt aktuelle Akten.

Also: Lasst euch gerade vom Beginn der Zivilstation nicht einschüchtern. Glaubt an euch und eure juristische Fähigkeiten und nehmt wenigstens alles Positive aus der Praxis mit und nutzt die Zeit um festzustellen, ob das ein Beruf ist, den ihr euch vorstellen könnt. Und falls nicht: Bekommt bloß keine Panik. Es gibt so viele andere juristische Berufe und man kann auch nach dem Ausschlussprinzip vorgehen.

Also bleibt ruhig und habt auch Spaß. Und sorgt für einen guten Weinvorrat. Nur als Sicherheit.

Von Ina

Aus dem Tagebuch einer Referendarin – zwischen Wein, Robe und Verzweiflung

Es ist so weit: Zwischen mir und dem Referendariat steht nur noch eine Kleinigkeit: die Formulare. Es ist erstaunlich wie gut man sich nach dem Bestehen des Examens fühlen kann und wie unglaublich dumm, sobald man diese Formulare aufschlägt. Und das Beste ist: Sie kommen immer wieder. Sie sind wie die Hydra aus der griechischen Mythologie, der pro abgeschlagenem Kopf zwei neue nachwachsen. Wenn ihr ein Formular abschickt, kommen zwei neue nach. Es ist halt ein Muss, aber für mich sind die Formulare der nervigste Teil beim Referendariat (und das will was heißen). Beginn des Refs? Formulare. Eine neue Station steht an? Formulare. Nebenjob? Richtig. Formulare.

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Exkurs: Doch wie läuft das Referendariat eigentlich ab? Natürlich gibt es Abweichungen von Bundesland zu Bundesland (bzw. Freistaat), aber das Grundprinzip ist überall dasselbe: Es gibt verschiedene Stationen, die ich mal in der bayerischen Reihenfolge darstelle: 

  • 5 Monate Zivilstation beim Zivilrichter
  • 3 Monate Strafstation (je nach Zuteilung beim Strafrichter oder bei der Staatsanwaltschaft)
  • 4 Monate Verwaltung (also Stadt, Regierung, Landratsamt… Wobei man diese Station auch 2 Monate am Verwaltungsgericht ableisten kann)
  • 9 Monate Anwaltsstation (im Gegensatz zu den vorherigen Stationen erfolgt dies nicht durch Zuteilung, sondern da müsst ihr euch selbst drum kümmern. Um eins kommt ihr dennoch nicht herum. Richtig! Formulare.)
  • Schriftliches Examen (gegen Ende der Anwaltsstation)
  • Freie Station (hier kann man entweder nochmal zu Gericht oder zur Staatsanwaltschaft, in eine Kanzlei oder auch ins Unternehmen, die Möglichkeiten sind wirklich vielfältig!)
  • Mündliche Prüfung

Während dieser ganzen Zeit habt ihr AG, also Arbeitsgemeinschaft, in der ihr vertieft das Prozessrecht beigebracht bekommt und in der ihr Klausuren schreibt (die jedoch nicht ins Examen zählen).

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Aber gut, wenn man die ersten Formulare überstanden hat, geht es endlich los. Das lang ersehnte Referendariat! Lang lebe die Praxis, hinfort mit dem Lernzeug! Das brauche ich nicht mehr, ich bin jetzt praktisch Harvey Specter! Halt in weiblich. Nun ja, leider ist es nicht ganz so. An alle, die dachten nach dem ersten Examen voller Begeisterung ihre Jura Sachen verbrennen zu können (ein zugegebenermaßen sehr verständlicher Wunsch): Haltet euch noch zwei Jahre zurück. Denn die ernüchternde Nachricht, die ich am ersten Tag bekam, war: der Schwerpunkt liegt immer noch auf dem materiellen Recht und das müsst ihr selbst wiederholen (wann genau man das am besten tun soll, da man ja zeitgleich genug neues lernt, sagt einem aber wieder mal keiner. Ich persönlich nehme an, man sollte Professor McGonagall nach einem Zeitumkehrer fragen, aber meine Eule kam noch nicht aus Hogwarts zurück um diese Theorie zu bestätigen).

Trotzdem ist ein unbestreitbares Highlight natürlich die Praxis. Manche Stationen wird man lieben, andere interessant finden und manche… nun ja, existieren halt einfach. Aber das sind die Momente, in denen man endlich sieht, wofür man das alles getan hat. Wofür man sich durch dieses Studium gequält hat. Das erste Mal eine Robe zu tragen, das erste Mal „Frau Staatsanwältin“ (oder eben „Herr Staatsanwalt“) genannt zu werden….

Natürlich überfordert einen einiges auch erst einmal, das ist völlig natürlich und davon darf man sich nicht einschüchtern lassen. Man wächst mit seinen Aufgaben. Hättet ihr vor ein paar Jahren gedacht die Zwischenprüfung zu bestehen? Die erste Probeklausur zum Examen?

So sitzt man jetzt mit Diktiergerät in einer Verhandlung und versucht einen Zeugen zu befragen ohne dabei versehentlich die komplette Aufnahme zu löschen oder würde in der Verhandlung als Sitzungsvertreter gerne auf die Frage, was denn die Staatsanwaltschaft dazu sagt am liebsten einfach antworten „Eine berechtigte Frage, sagen Sie mir gerne Bescheid wenn Sie es wissen“.

Die Hälfte der Zeit fühle ich mich wie ein Betrüger. Ich meine, was wusste ich schon? Fischwilderei? Noch nie gehört. Ein EU Führerschein wurde im Ausland erteilt, obwohl er eine Sperrfrist hatte? Was??

Doch ganz ruhig. Ihr habt nicht ohne Grund einen Beck online Zugang. Und wenn das auch nicht hilft: Fragen. Wir sind nun mal in der Ausbildung. Wenn wir alles schon sicher könnten und wüssten, müssten wir nicht mehr ausgebildet werden. Die Ausbilder helfen auch gerne weiter. Die waren auch schon mal in der Situation und immerhin habt ihr an diesem Punkt schon das erste Staatsexamen bestanden! Ihr habt also bereits bewiesen, dass ihr Jura könnt!

Doch all das hilft nicht, wenn man (vor allem das erste Mal) in Robe durch das Gerichtsgebäude irrt und am liebsten ausrufen lassen würde, dass man gerne aus dem Kinderparadies abgeholt werden würde.

Was hätte ich gerne vorher gewusst? Tatsächlich dachte ich, dass man mehr in der Praxis arbeiten würde und viel, viel weniger AG hätte. Ich meine, was soll man noch so viel lernen? Ha Ha Ha. Wie man nach 4 bis 5 Jahren Jurastudium noch so naiv sein kann, ist mir selbst ein Rätsel, aber gut, mein 6 Monate jüngeres Ich dachte das eben. Man arbeitet schon in der Praxis, aber man hat wahnsinnig viel AG und so viel neuen Stoff, der gelernt werden muss.

Und tatsächlich, dass es nochmal so anstrengend werden würde. Es werden noch einmal harte zwei Jahre. Auch die werdet ihr überstehen, ganz sicher, aber das muss einem bewusst sein. Wer davor nochmal Zeit braucht, sollte sie sich nehmen, denn der Körper und die Psyche werden noch einmal zwei Jahre auf die Probe gestellt.

Das Wichtigste ist einfach während dem Ref den Überblick zu behalten, da es keine regelmäßigen Termine mehr gibt. Die AG ist (zumindest bei mir) immer an anderen Tagen. Dein Ausbilder will dich auch immer mal wann anders sehen und deine Einteilung zu Sitzungen erfährst du meist erst eine Woche vorher. Für mich persönlich war daher Planung das Wichtigste. Nein, eigentlich war das Wein, aber das sei mal dahingestellt. Wann ist AG, wann muss welches Formular eingereicht werden, wann muss ich zu meinem Ausbilder, wann mein Urteil abgeben und dann sieht man mal wann Zeit bleibt die AG nachzubereiten und wann man das materielle Recht wiederholen kann.

Wichtig: Sucht euch Verbündete. Damit meine ich nicht, dass das Ref wie der Beginn des Studiums ist, ganz und gar nicht. Aber ihr werdet am Anfang völlig überfordert sein. Ihr werdet euch zwischenzeitlich mal dumm fühlen und ihr braucht jemanden, der gerade dasselbe durch macht und sagt „Ja, mir geht es ganz genauso“. Jemand, an dem ihr seht, dass nicht ihr das Problem seid (denn das seid ihr nicht!), sondern das Referendariat. Ein Einzelkämpfer zu sein, ist im Referendariat partout nicht zu empfehlen. Ihr braucht die Unterstützung. Sei es psychisch, oder Leute, die ihr anrufen könnt, wenn ihr an einem Urteil hängt und euch fragt, ob das überhaupt geht, was ihr da gerade macht.

Ihr werdet das Referendariat lieben, ihr werdet es hassen, ihr werdet euch großartig und im nächsten Moment irgendwie dumm fühlen. Aber, sind wir ehrlich, das ist nun mal Jura.

von Ina

Mein erster Examenstermin

Da ist er nun, der 15.08.2019, der Tag auf den ich so lange hingearbeitet habe. Ein halbes Jahr Eigenvorbereitung und dann anschließend das einjährige Repetitorium, hat es gebraucht, bis ich mich in den ersten Versuch gewagt habe. Bereits zwei Wochen vorher hat sich das enorme Pensum bemerkbar gemacht, indem mein Körper mir zeigte, dass er nicht mehr in der Lage war eine weitere auswendig gelernte Defintion aufzunehmen. In den letzten zwei Wochen widmete ich mich also nur der reinen Wiederholung. Ein bisschen freute ich mich auch auf die Woche, denn nun konnte man endlich mal sein gelerntes Wissen anwenden, vorausgesetzt, der Fall war einigermaßen machbar. Bei mir war das insbesondere im Zivilrecht nicht immer der Fall, da das Öffentliche Recht mein Lieblingsfach war. Strafrecht war immer irgendwie lösbar. Aber Zivilrecht konnte auch echt mal ordentlich in die Hose gehen. Dementsprechend habe ich das „Line-up“ für die Examenswochen auch eher mit gemischten Gefühlen gesehen. Die Reihenfolge war nämlich ZR I, ZR II, ZR III, ÖR I, ÖR II, StR. Man könnte hier natürlich auch mit dem Motto: „Erst die Arbeit, dann das Vergnügen“ durchstarten. Allerdings war es mir wichtig, mit einem guten Gefühl in die Examenswoche zu gehen. Naja, letztendlich kann man wohl sagen, dass beides wahrscheinlich Vor-und Nachteile hat. Das Wichtigste ist, dass man sich nicht verrückt macht, wenn eine Klausur mal nicht so lief, denn ich kann aus Erfahrung sagen, dass diese Klausuren oft die besten werden!

Nun starten wir aber frisch in den 15.08.2019. Der 15.08.2019 war ein Donnerstag. Ich hatte bereits eine Woche davor angefangen mein Schlafrhytmus zu fixen, damit ich nun kein Problem hatte um 21 Uhr am Mittwochabend ins Bett zu gehen. Mein Wecker klingelte um 06.00 Uhr. Bereits im Halbschlaf merkte ich wie etwas Panik in mir aufstieg. „Nun war es soweit“. Diese Panik breitete sich aber ein Glück nicht weiter, aus, denn ich hatte mir eine Morgenroutine angelegt, die mir jetzt half, einfach das System abzuspulen, was ich auch an den „einfachen“ Lerntagen absolvierte. Diese bestand darin etwas Nahrhaftes zu frühstücken und ganz besonders wichtig, einen Kaffee zu trinken. Davor ging bei mir meistens nichts. Kurz überlegte ich auch nochmal einen schnellen Blick in mein Zivilrechtsskript zu werfen. Dies tat ich zum Glück nicht, denn wenn ich jetzt noch ein Problem gesehen hätte, was ich nicht perfekt runterrattern könnte, wäre das eher kontraproduktiv gewesen. Nach dem Frühstück überprüfte ich noch einmal die Liste mit Gesetzen, die zugelassen waren und die ich den Abend zuvor gepackt hatte. Danach konnte es losgehen. Ich fuhr mit dem Auto etwa 1 Stunde und 15 Minuten vor Beginn der Klausur los, auch wenn ich lediglich 15 Minuten zum Examensgebäude brauchte. Ich hatte zu viel Angst vor einem Stau. Wahrscheinlich hätten 45 Minuten früher losfahren auch vollkommen ausgereicht. Nebenbei bemerkt, bin ich die nächsten Tage auch immer dann erst losgefahren und es hat immer geklappt. Das Gebäude, in welchem wir nun die nächsten 9 Tage Examen schreiben sollten, lag bei uns mitten im Gewerbegebiet und war ein kitschiger Hochzeitssaal. Sehr passend, dass überall Rüschenschmuck und rote gemütliche Sessel standen. In der ersten Klausur saß ich genau neben der Bar des Hochzeitssaals und war nicht unversucht einen Schluck gegen die Nervösität nehmen.

Nun am Saal angekommen war ich einer der ersten und suchte nach Leuten die ich kannte. Allerdings wurde natürlich nicht über die anstehende Klausur geredet. Und bloß nicht über irgendwelche belanglosen Urteile, die irgendjemand aufgeschnappt hatte und angeblich heute ganz „safe“ drankamen. Um 08.45 Uhr wurden dann die Türen des Saals geöffnet und wir sind alle hineingestürmt, um unsere Namen mit den Platznummern auf dem Aushang zu lesen. Und da gab es den ersten Schock. Ich stand nicht darauf. Nach einigem panischen Suchen ist mir aufgefallen, dass es Saal A und Saal B gab. Und ich hatte ein Platz in Saal B und stand gerade in Saal A. So bin ich leicht aufgelöst einmal um das Gebäude gerannt und da war dann auch ein Schild mit Saal B. Alle waren schon drin und ich bin etwas fertig auf meinen Platz zugestolpert. Nachdem alle Gesetze auf dem Tisch lagen und alle Namen vorgelesen wurden, um die Anwesenheit zu überprüfen, durchsuchte ich meine Gesetze nochmal, um sicherzugehen, dass ich keine Karteikarte darin vergessen hatte. Das ist mir nämlich einmal in einer Übungsklausur passiert und da wurde ausgerechnet mein Gesetz kontrolliert. Ups. Allerdings hatte ich das zuhause natürlich auch schon etwa 30 Mal kontrolliert, deswegen waren sie natürlich „sauber“. Nun ging es also los. Der „Chef“ schnitt ganz feierlich das Klausurenpaket für ZR I am 15.08.2019 auf. Und heraus viel ein Zettel auf dem stand, dass heute vorher nochmal Stichproben gemacht werden. Das heißt es werden Platznummern gelost. Diejenigen, die an diesen Plätzen saßen, müssen aufstehen und werden mit einem Metalldetektor abgesucht, um sicherzugehen, dass keine Täuschungsmittel benutzt werden. Ausgerechnet am ersten Termin. Wer vorher nicht nervös wurde, wurde es spätestens jetzt. Denn dieses ganze Prozedere hat 15 Minuten gedauert. Danach war es überstanden und ich musste was ein Glück nicht aufstehen. Jetzt wurden die Aufgabentexte ausgeteilt. Nachdem der „Chef“ endlich alle Bedingungen nochmals laut verlesen hatte, konnten wir umdrehen. Es ging los.

Um den Fall kurz zusammenzufassen nur so viel. Es kam Schuldrecht AT und BT dran. Jemand hat einen Kühlschrank mit einer Software gekauft, die eigenhändig mithilfe eines Algorythmus den Bedarf berechnet und Lebensmittel automatisch nachbestellt. Im Schwerpunkt ging es darum, wer, wann und wie einen Vertrag über die Lebensmittel schließt. In Aufgabe 2 ging es wie erwartet um ZPO.

Als um 14 Uhr die Klausur zuende war, gaben alle ganz erschöpft die Klausur ab. Einige fingen unmittelbar danach an über die Klausur zu reden. Hieran sollte man sich nach Möglichkeit nicht beteiligen, weil es eigentlich immer nur verunsichert. Diejenigen die über die Klausuren reden wollen und jedem seine Meinung aufbinden wollen, sind meist diejenigen die selbst am unsichersten sind. Deshalb ging ich so schnell es ging zum Auto, um nach Hause zu fahren. Den restlichen Tag schaute ich nicht mehr in meine Unterlagen um zu lernen, sondern schrieb lieber den Examensreport. Und so ging ich wieder um 21 Uhr ins Bett um am nächsten Tag zur zweiten Klausur wieder um 06.30 Uhr aufzustehen.

So was kann ich euch hier jetzt als Tipps mit auf den Weg geben.

Checkliste:

  1. 1-2 Wochen vorher Schlafryhtmus fixen
  2. Macht euch nicht verrückt in welcher Reihenfolge ihr schreibt
  3. Genug Schlaf tanken
  4. Energiereiches Frühstück (Meine Empfehlung: Porridge mit Obst)
  5. Rucksack packen
    1. Mäppchen mit allen Stiften, die man persönlich so braucht
    2. zugelassene Gesetze
    3. Personalausweis
    4. Ladung
    5. Essen und trinken
    6. Oropax (Finde ich extrem wichtig, weil es „sehr“ laut um dich herum ein wird)
    7. Uhr (Falls es keine große Uhr an der Wand gibt)
    8. Cardigan/Pullover (Zwiebelsystem ist immer gut, denn ihr wisst nicht wie die Klimaanlage/Heizung eingestellt ist)
  6. Morgenroutine anlegen
  7. Früh genug losfahren
  8. Ein paar Tage vorher solltet ihr euch die Halle/Saal schonmal anschauen, das nimmt etwas die Nervösität
  9. Lest eure Ladung genau (Saaltrennung etc.)
  10. Versucht während den Tagen nicht mehr zu lernen!

Vielen Dank fürs Lesen! Ich hoffe der Beitrag hat euch gefallen. Gerne könnte ihr auch noch hierrunter kommentieren, falls ich was vergessen hab oder ihr noch einen weiteren Tipp habt. Falls jemand zu dem Fall den Examensreport haben möchte, gerne einfach per Mail/Instagram/Twitter melden 🙂

P.S. Das Beitragsbild ist aus dem Urlaub direkt nach dem Examen. Da es mein erster Urlaub seit dem Lernbeginn war, hat es eine besondere Bedeutung für mich.