Aus dem Tagebuch einer Referendarin – zwischen Wein, Robe und Verzweiflung

Es ist so weit: Zwischen mir und dem Referendariat steht nur noch eine Kleinigkeit: die Formulare. Es ist erstaunlich wie gut man sich nach dem Bestehen des Examens fühlen kann und wie unglaublich dumm, sobald man diese Formulare aufschlägt. Und das Beste ist: Sie kommen immer wieder. Sie sind wie die Hydra aus der griechischen Mythologie, der pro abgeschlagenem Kopf zwei neue nachwachsen. Wenn ihr ein Formular abschickt, kommen zwei neue nach. Es ist halt ein Muss, aber für mich sind die Formulare der nervigste Teil beim Referendariat (und das will was heißen). Beginn des Refs? Formulare. Eine neue Station steht an? Formulare. Nebenjob? Richtig. Formulare.

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Exkurs: Doch wie läuft das Referendariat eigentlich ab? Natürlich gibt es Abweichungen von Bundesland zu Bundesland (bzw. Freistaat), aber das Grundprinzip ist überall dasselbe: Es gibt verschiedene Stationen, die ich mal in der bayerischen Reihenfolge darstelle: 

  • 5 Monate Zivilstation beim Zivilrichter
  • 3 Monate Strafstation (je nach Zuteilung beim Strafrichter oder bei der Staatsanwaltschaft)
  • 4 Monate Verwaltung (also Stadt, Regierung, Landratsamt… Wobei man diese Station auch 2 Monate am Verwaltungsgericht ableisten kann)
  • 9 Monate Anwaltsstation (im Gegensatz zu den vorherigen Stationen erfolgt dies nicht durch Zuteilung, sondern da müsst ihr euch selbst drum kümmern. Um eins kommt ihr dennoch nicht herum. Richtig! Formulare.)
  • Schriftliches Examen (gegen Ende der Anwaltsstation)
  • Freie Station (hier kann man entweder nochmal zu Gericht oder zur Staatsanwaltschaft, in eine Kanzlei oder auch ins Unternehmen, die Möglichkeiten sind wirklich vielfältig!)
  • Mündliche Prüfung

Während dieser ganzen Zeit habt ihr AG, also Arbeitsgemeinschaft, in der ihr vertieft das Prozessrecht beigebracht bekommt und in der ihr Klausuren schreibt (die jedoch nicht ins Examen zählen).

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Aber gut, wenn man die ersten Formulare überstanden hat, geht es endlich los. Das lang ersehnte Referendariat! Lang lebe die Praxis, hinfort mit dem Lernzeug! Das brauche ich nicht mehr, ich bin jetzt praktisch Harvey Specter! Halt in weiblich. Nun ja, leider ist es nicht ganz so. An alle, die dachten nach dem ersten Examen voller Begeisterung ihre Jura Sachen verbrennen zu können (ein zugegebenermaßen sehr verständlicher Wunsch): Haltet euch noch zwei Jahre zurück. Denn die ernüchternde Nachricht, die ich am ersten Tag bekam, war: der Schwerpunkt liegt immer noch auf dem materiellen Recht und das müsst ihr selbst wiederholen (wann genau man das am besten tun soll, da man ja zeitgleich genug neues lernt, sagt einem aber wieder mal keiner. Ich persönlich nehme an, man sollte Professor McGonagall nach einem Zeitumkehrer fragen, aber meine Eule kam noch nicht aus Hogwarts zurück um diese Theorie zu bestätigen).

Trotzdem ist ein unbestreitbares Highlight natürlich die Praxis. Manche Stationen wird man lieben, andere interessant finden und manche… nun ja, existieren halt einfach. Aber das sind die Momente, in denen man endlich sieht, wofür man das alles getan hat. Wofür man sich durch dieses Studium gequält hat. Das erste Mal eine Robe zu tragen, das erste Mal „Frau Staatsanwältin“ (oder eben „Herr Staatsanwalt“) genannt zu werden….

Natürlich überfordert einen einiges auch erst einmal, das ist völlig natürlich und davon darf man sich nicht einschüchtern lassen. Man wächst mit seinen Aufgaben. Hättet ihr vor ein paar Jahren gedacht die Zwischenprüfung zu bestehen? Die erste Probeklausur zum Examen?

So sitzt man jetzt mit Diktiergerät in einer Verhandlung und versucht einen Zeugen zu befragen ohne dabei versehentlich die komplette Aufnahme zu löschen oder würde in der Verhandlung als Sitzungsvertreter gerne auf die Frage, was denn die Staatsanwaltschaft dazu sagt am liebsten einfach antworten „Eine berechtigte Frage, sagen Sie mir gerne Bescheid wenn Sie es wissen“.

Die Hälfte der Zeit fühle ich mich wie ein Betrüger. Ich meine, was wusste ich schon? Fischwilderei? Noch nie gehört. Ein EU Führerschein wurde im Ausland erteilt, obwohl er eine Sperrfrist hatte? Was??

Doch ganz ruhig. Ihr habt nicht ohne Grund einen Beck online Zugang. Und wenn das auch nicht hilft: Fragen. Wir sind nun mal in der Ausbildung. Wenn wir alles schon sicher könnten und wüssten, müssten wir nicht mehr ausgebildet werden. Die Ausbilder helfen auch gerne weiter. Die waren auch schon mal in der Situation und immerhin habt ihr an diesem Punkt schon das erste Staatsexamen bestanden! Ihr habt also bereits bewiesen, dass ihr Jura könnt!

Doch all das hilft nicht, wenn man (vor allem das erste Mal) in Robe durch das Gerichtsgebäude irrt und am liebsten ausrufen lassen würde, dass man gerne aus dem Kinderparadies abgeholt werden würde.

Was hätte ich gerne vorher gewusst? Tatsächlich dachte ich, dass man mehr in der Praxis arbeiten würde und viel, viel weniger AG hätte. Ich meine, was soll man noch so viel lernen? Ha Ha Ha. Wie man nach 4 bis 5 Jahren Jurastudium noch so naiv sein kann, ist mir selbst ein Rätsel, aber gut, mein 6 Monate jüngeres Ich dachte das eben. Man arbeitet schon in der Praxis, aber man hat wahnsinnig viel AG und so viel neuen Stoff, der gelernt werden muss.

Und tatsächlich, dass es nochmal so anstrengend werden würde. Es werden noch einmal harte zwei Jahre. Auch die werdet ihr überstehen, ganz sicher, aber das muss einem bewusst sein. Wer davor nochmal Zeit braucht, sollte sie sich nehmen, denn der Körper und die Psyche werden noch einmal zwei Jahre auf die Probe gestellt.

Das Wichtigste ist einfach während dem Ref den Überblick zu behalten, da es keine regelmäßigen Termine mehr gibt. Die AG ist (zumindest bei mir) immer an anderen Tagen. Dein Ausbilder will dich auch immer mal wann anders sehen und deine Einteilung zu Sitzungen erfährst du meist erst eine Woche vorher. Für mich persönlich war daher Planung das Wichtigste. Nein, eigentlich war das Wein, aber das sei mal dahingestellt. Wann ist AG, wann muss welches Formular eingereicht werden, wann muss ich zu meinem Ausbilder, wann mein Urteil abgeben und dann sieht man mal wann Zeit bleibt die AG nachzubereiten und wann man das materielle Recht wiederholen kann.

Wichtig: Sucht euch Verbündete. Damit meine ich nicht, dass das Ref wie der Beginn des Studiums ist, ganz und gar nicht. Aber ihr werdet am Anfang völlig überfordert sein. Ihr werdet euch zwischenzeitlich mal dumm fühlen und ihr braucht jemanden, der gerade dasselbe durch macht und sagt „Ja, mir geht es ganz genauso“. Jemand, an dem ihr seht, dass nicht ihr das Problem seid (denn das seid ihr nicht!), sondern das Referendariat. Ein Einzelkämpfer zu sein, ist im Referendariat partout nicht zu empfehlen. Ihr braucht die Unterstützung. Sei es psychisch, oder Leute, die ihr anrufen könnt, wenn ihr an einem Urteil hängt und euch fragt, ob das überhaupt geht, was ihr da gerade macht.

Ihr werdet das Referendariat lieben, ihr werdet es hassen, ihr werdet euch großartig und im nächsten Moment irgendwie dumm fühlen. Aber, sind wir ehrlich, das ist nun mal Jura.

von Ina