Die „perfekte“ Lernstrategie

Es ist Montag, du hattest dir gestern vorgenommen heute durchzustarten. Du hast lecker gefrühstückt, gehst ins Arbeitszimmer und siehst sofort den Berg an Unterlagen. Du denkst dir:“ Aaaaw!!! Es ist viel zu viel Stoff, das bekomme ich niemals alles gelernt, ohne die Hälfte wieder zu vergessen!“ Während du mit dem ersten Skript beginnst, bleibt das Gefühl aber bestehen. Beim Schlafen gehen denkst du dir nur, dass dein Pensum heute wieder zu wenig war.

Wenn du dieses Gefühl hast, fehlt dir eine Lernstrategie, die alle diese hinderlichen Gedanken sortiert. Aber wozu eine Lernstrategie? Und was ist das überhaupt genau?

Ich habe mich für euch durch das Internet gewühlt, um die „perfekte“ Lernstrategie zu finde. Dabei wurde mir das bestätigt, was ich vorher schon wusste. Es gibt keine „perfekte“ Lernstrategie. Jeder muss für sich selbst herausfinden, was am besten passt und bla bla bla. Die üblichen Anworten eben. Während ich immer wieder diesen Satz gelesen habe, dachte ich mir, dass es doch sowas wie eine „Hülle“ geben muss. Ein Modell, womit jeder zurechtkommt, indem er dieses Modell mit seinem Lerntyp füllt. So ein Modell habe ich allerdings nicht gefunden. Also habe ich selbst eines erstellt und das präsentiere ich euch jetzt hier.

Zunächst müssen wir uns einmal überlegen, was denn überhaupt eine Lernstrategie ist. Wikipedia definiert eine Lernstrategie als Handlungsplan zur Steuerung des eigenen Lernens. Die Defintion ist natürlich sehr abstrakt. Eine Lernstrategie besteht vielmehr aus mehreren einzelnen Lernstrategien, die durch ihre Zusammensetzung zu einer ganzen Lernstrategie werden. Hierzu zählt die kognitive Lernstrategie, die sich auf den ganzen Lernvorgang bezieht, die metakognitive Lernstrategie, die sich mit der Planung im Vorfeld befasst und zu guter Letzt, die ressourcenbezogene Lernstrategie, die alles rund um dein Umfeld managet. Soweit zu der Definition. Das ist jetzt aber alles noch kein besonderes Wissen, das bekommt jeder zu lesen, sobald er anfängt, sich mit dem Thema Lernstrategien zu beschäftigen. Ich habe also versucht, alles in eine „Hülle“ zu gießen, damit jeder mithilfe dieser Lernstrategie erfolgreich lernen kann.

Die 5 Phasen Lernstrategie

Phase 0

Wir beginnen zunächst mit der Vorüberlegungsphase, der Phase 0. Hier kommt die ressourcenbezogene Lernstrategie zum Tragen. Wir erinnern uns, es geht also darum, sich ein schönes Umfeld zu schaffen. Dabei meine ich das Wort „schön“, im wahrsten Sinne des Wortes, denn nun musst du dir einen Arbeitsplatz suchen, an dem du bereit bist über eine sehr lange Zeit zu Lernen. Und zwar nur zu Lernen! Also versuche zu vermeiden (ich weiß das ist nicht immer möglich) den Wohnzimmertisch dafür zu benutzen. Dort ist die Gefahr zu groß, dass du dich ablenken lässt. Richte dir also ein Arbeitszimmer ein. Der Schreibtisch sollte natürlich groß genug sein. Gerne kannst du das Zimmer auch „schmücken“ (Blümchen etc.). Auch hier müssen wir natürlich die einzelnen Lerntypen berücksichtigen. Bist du also ein „Biblerner“, bist du logischweise eingeschränkt in Sachen „Blümchen“. Aber dennoch kannst du dir hier natürlich einen Stammplatz aussuchen, auf dem du morgens immer zu bestimmten Zeiten kommst und abends wieder gehst. Einen Alternativplatz solltest du natürlich noch im Hinterkopf haben, damit du nicht durchdrehst, wenn sich jemand deinen Platz geschnappt hat. Wenn du deinen Arbeitsplatz eingerichtet hast, solltest du dir überlegen, was dir ansonsten noch gut tut. Versorge dich zum Beispiel mit ausreichend Essen. Das Essen sollte natürlich ausgewogen sein, also gerne auch mal Obst oder Gemüse. Nicht dass du nach den 1 1/2 Jahren aus der Bib rollst. Auf knackiges Gemüse sollte in der Bib aber eher verzichtet werden. Deine Sitznachbarn danken es dir. Wenn das alles soweit stimmt und du dich an dem Ort wohl fühlst, kommen wir zu Phase 1.

Phase 1

Phase 1 ist die Phase, in der du alle Unterlagen zusammensuchst. Wir befinden uns also in der metakognitiven Phase, der Planungsphase. Du wirst wahrscheinlich zu einem Thema, nehmen wir als Beispiel mal das allseits beliebte Fach Baurecht, mehrere Skripte, Karteikarten und Bücher haben. Diese werden lokal sortiert, also zum Beipiel auf dem Boden in der Ecke gestapelt. Das machst du jetzt mit jedem Fach so und hast somit das gesamte Wissen komprimiert und sortiert in der Ecke liegen. Anschließend machst du dir eine Liste, auf der du deine gesammelten Materialien dokumentierst. So vergisst du später nichts und hast so auch nicht das Gefühl, irgendetwas in der Planung vergessen zu haben. Danach machst du mithilfe der Notizen einen Zeitplan für jedes Fach. Um wieder das Beispiel Baurecht aufzugreifen, nimmst du die einzelnen Teilbereiche Bauleitplanung, Baugenehmigungsverfahren, Drittschutz und Eingriffsbefugnisse der Verwaltung und verteilst sie, je nach Gewichtung, auf 14 Tage. So gehst du im Anschluss bei jedem Fach vor. Ich weiß, dass das sehr zeitintensiv ist, aber nur mit einem guten und detaillierten Zeitplan, lassen sich so Gedanken wie eingangs geschildert ausschließen. Steht der Plan also, gehen wir über in Phase 2.

Phase 2

Phase 2 ist die Phase, die am meisten Zeit kostet. Es beginnt die kognitive Phase, also die Phase, in der du das gesamte Wissen lernst. Es kommt jetzt darauf an, die bereitgelegten Unterlagen in ein Skript oder ein Stapel Karteikarten zusammenzufassen. Bildlich habe ich mir das immer als „Trichtermethode“ vorgestellt. Also die ganzen Skripte und Bücher, die du zu dem Thema hast, müssen am Ende ein komprimiertes Skript ergeben, mit dem du dann nur noch lernst. Mit sonst nichts mehr. Hierbei kommt es darauf an, dass du eine ordentliche Gliederung mit Überschriften und Untergliederungen hast. Du solltest nur Stichpunkte aufschreiben, denn in Phase 4 kommt es darauf an, sich selbst die Themen mit eigenen Worten zu erklären. Texte und Fälle auswendig zu lernen, haben dich vielleicht noch in der Zwischenprüfung weitergebracht. Doch im Examen kommt es auf Verständnis und Transferwissen an. Aber dazu mehr in Phase 4. Natürlich kommen in das Skript auch alle Definitonen. Es versteht sich von selbst, dass diese natürlich genauso abgeschrieben werden müssen, wie sie im Lehrbuch stehen. Die Meinungsstreitigkeiten müssen auch an den richtigen Stellen im Skript stehen. Die wechselseitigen Argumente sollten auch in Stichpunkten aufgenommen werden. Besonders hilfreich sind Eselsbrücken oder andere Visualisierungen (z.B. Mindmaps). Diese sogenannte Mnemotechnik ist wohl das effektivste Mittel um sich komplizierte Behördenstrukturen oder anderes zu merken.

Um nochmal das Beispiel von oben aufzugreifen solltest du für 6 Tage „Baugenehmingungsverfahren“, für die Phase 2, 50 % der Zeit einrechnen, also 3 Tage nur um das Baugenehmigungsverfahren zusammenzufassen. Wenn du nun die Zusammenfassung abgeschlossen hast, kommst du auch schon zu Phase 3.

Phase 3

In Phase 3 befinden wir uns weiterhin in der kognitiven Phase. Diese Phase dient der Entspannung und der angenehmen Aufnahme des Gelernten. Wer unmittelbar nach dem anstrengenden Zusammenfassen in die „brutale“ Auswendiglernphase reinspringt, wird sehr schnell die Lust am Thema verlieren. Diese Phase sollte aber nicht allzu lange dauern. In unserem Beispiel würde sie einen halben Tag in Anspruch nehmen. Hier geht es darum, das Zusammengefasste visuell angenehm zu gestalten. Wer gerne farbig unterstreicht, kann sich hier austoben. Allerdings sollten die Farben natürlich mit System gewählt werden. Ich benutze beispielsweise für alle Definitionen Rosa, für alle Probleme Gelb, für alle „Beachtebereiche“ Orange und für die normalen Stichpunkte Grün. Während Phase 3 könnt ihr auch gerne Musik hören, es geht vor allem darum, nochmal alles zu lesen und eine freundliche „Basis“ zwischen dir und dem Gerlernten zu schaffen. Sodann geht es weiter mit Phase 4.

Phase 4

Wir befinden uns auch in Phase 4 weiterhin in der kognitiven Phase. Und jetzt geht es ans Eingemachte. Hiervor haben wahrscheinlich die meisten Studenten Angst bzw. wissen einfach nicht wie sie den ganzen Stoff in den Kopf kriegen sollen. Was wir hier ausklammern, ist die rythmusgetaktete Wiederholung. Hierzu gibt es demnächst einen separaten Beitrag, in dem ich auch meinen Lernplan von den letzten 6 Monaten vor dem Examen veröffentliche. Es geht also darum, wie man am Besten auswendig lernt. Wir haben ja mit Phase 1-3 schon einen guten Grundbaustein gelegt. Wenn du bereits konzentriert, über drei Tage, zusammengefasst hast und den halben Tag nochmal alles in Ruhe gelesen und markiert hast, solltest du dir schon Einiges gemerkt haben. Und glaube mir, dein Kopf ist schon beim Zusammenfassen in der Lage sich sehr viel zu merken, wovon man während dem auswenig lernen selbst überrascht sein wird. Aber wie lernt man besten auswendig? Hierbei kommt es jetzt ganz besonders auf die verschiedenen Lerntypen an. Allerdings möchte ich euch ja eine Hülle bieten, mit der jeder klarkommen sollte.

  1. Schnappt euch das Skript und sucht euch einen Platz, an dem ihr Ruhe habt und der nicht euer Schreibtisch ist. Ihr solltet euch hier frei bewegen können.
  2. Nun nehmt ihr euch die ersten fünf Seiten des Skripts und lest sie laut vor und versucht die stichpunktartigen Probleme mit eigenen Worten zu erklären. Ihr benutzt somit mehrere Sinne, Hören und Sehen. Wenn das am Anfang nicht flüssig klappt, ist das total egal. Es kommt darauf an, sich Gedanken zu machen, wie man ein Problem erklärt, und so auch dem Korrektor in der Klausur verständlich darlegen kann.
  3. Dies wiederholt ihr mehrer Male.
  4. Dann nehmt ihr euch die gleichen fünf Seiten und lest nur noch die Überschriften oder Gliederungsüberpunkte. Den Rest versucht ihr auswendig aufzusagen. Das solltet ihr euch wieder laut selbst erklären. Wenn Ihr nicht mehr weiter wisst, schaut ihr wieder in das Skript und lest die Überschrift, ab der ihr es noch nicht auswendig könnt. Wichtig ist also, dass ihr häppchenweise vorgeht.
  5. Falls ihr mal eine Pause braucht und fast den gesamten Tag auswendig gelernt habt, könnt ihr gerne wieder für eine kurze Zeit zu Phase 3 zurückkehren.
  6. Diesen Vorgang wiederholt ihr so lange, bis ihr das ganze Skript könnt.

Es wird immer mal ein Problem geben, was man sich partout nicht merken kann. Falls das bei euch mal der Fall sein sollte, schreibt ihr das Problem auf einen Zettel und klebt es euch an den Badezimmerspiegel und immer wenn ihr Zähne putzt, lest ihr euch den Zettel durch. Irgendwann wird es sitzen. Phase 4 sollte 1 1/2 Tage in meinem Beispiel dauern. Danach kommt ihr zur letzten Phase 5.

Phase 5

Phase 5 ist die Abschlussphase des Themas. Hier geht es darum, Erfolgsgefühle zu feiern und das Wissen anzuwenden. Hier löst ihr jetzt nur noch Fälle. Wenn man in den Formulierungen und dem Gutachtenstil bereits gut genug ist, sollte man in Eigenarbeit keine ganzen Fälle mehr lösen (Übungsfälle in der Uni und dem Rep sollten natürlich weiterhin geschrieben werden). Widmet euch vielmehr eurem Aufbau und der Schwerpunktsetzung. Das heißt ihr fertigt nur noch 2 Stunden eine Lösungsskizze und markiert euch die Schwerpunkte. Die Meinungsstreitigkeiten löst hier hingegen im Kopf. So schafft ihr an einem Tag viel mehr Fälle und könnt euer Wissen praktisch anwenden.

Was ebenso zur Phase 5 gehört und nicht unterschätzt werden sollte, ist sich abfragen zu lassen. Denn erst dann muss man plötzlich das erklären, was man vorher nur sich selbst erklärt hat. Jetzt merkt ihr, ob ihr das Thema verstanden habt. Unter Druck, von am besten 1-3 Leuten abgefragt zu werden, ist eine Sache, bei der man sich erst überwinden muss. Aber es hilft. Wie ihr merkt, fließen also Phase 4 und 5 teilweise ineinander. Sie nehmen also etwas weniger als 50 % der Zeit in Anspruch.

Fazit

Was haben wir jetzt also gelernt? Es gibt sehr wohl eine Lernstrategie, die in ihrem Grundsatz auf jeden anwendbar ist. Natürlich muss man, je nachdem, was man für ein Lerntyp ist, die Schwerpunkte anders setzen. Beachten solltet ihr, dass die Phasen streng eingehalten werden müssen. Es macht wenig Sinn, Fälle zu lösen, wenn man noch nicht alles gelernt hat. Man wird dadurch nur unsicher und versucht sich selbst zu belügen, indem man im Skript die Probleme nachschaut und im Nachhinein sagt: „Ach das hätte ich auch gewusst und so auch irgendwie gelöst.“ So und jetzt seid ihr dran!

Vielen Dank fürs Lesen! Ich hoffe es hilft euch weiter. Gerne könnt ihr mir über Instagram Fragen/Kritik/Anregungen schicken. Ich freue mich über jegliches Feedback!